Der Deal mit den Drogen

Drogen sind auch im Knast ein lukratives Geschäft: Eine Chance auf Rehabilitation hat der Knacki aber nicht.

Viele Menschen erfahren durch ihren Drogenkonsum eine meist irreversible Veränderung ihrer Lebenssituation. Im Rahmen der sogenannten Beschaffungskriminalität endet der Kreislauf nicht selten in einer kleinen Zelle der örtlichen Haftanstalt - was der Verfasser am eigenen Leib spüren durfte!

Um diesen Kreislauf zu unterbrechen bzw. einer Wiederholungsgefahr entgegenzuwirken, haben insbesondere die größeren Haftanstalten ein Konzept entwickelt, das diesem Umstand möglichst effektiv Sorge trägt. Verschiedene Optionen und Bereiche wurden hierfür eingerichtet.Am Beispiel der JVA Tegel soll dieser Bericht Aufschluss darüber geben, ob es sich hierbei um administrative, bürokratische Spitzfindigkeiten handelt oder sich dieses Konzept an der tatsächlichen Hilfsbedürftigkeit des Einzelnen orientiert.


Verdient der Drogenbehandlungsbereich öffentliche Zuschüsse, offizielle Zusprache oder überhaupt diese Bezeichnung? Reiht sich dieses Konzept in die urbane Suchtbekämpfung ein oder ist es mittlerweile leblos und antiquiert? Inwieweit sind diese Bereiche von den dramatischen Veränderungen, Kürzungen und Überbelegungen im allgemeinen Vollzugswesen betroffen? Wurde die Öffentlichkeit sowie der Senat über die tatsächlichen Gegebenheiten informiert?


Drogenvorschaltstationen B 4 und C 4 in Haus I

Bereits im Aufnahmegespräch wird dem Gefangenen durch den ihm zugeteilten sogenannten Sozialarbeiter (oder auch: Gruppenleiter) die Möglichkeit offeriert, sich zur ersten Behandlung seines Drogenproblems auf die Drogenvorschaltstation verlegen zu lassen.

Hierbei entsteht der erste eklatante Fehlgriff, denn die Auswahl bezieht sich fast ausschließlich auf die jeweilige Aktenlage. Somit gelangen mutmaßliche Drogenhändler, die auch im Knast ein lukratives Geschäft wittern, ebenso in diesen Bereich wie primär Schwerstabhängige, die gerade vor diesem Klientel zu schützen wären. Über eine Veränderung in diesem Zusammenhang wurde bisher nichts berichtet, und so herrscht weiterhin ein reges Treiben.

__Keine Perspektive auf Rehabilitation__

Aus Mangel an fachgeschultem Personal unterscheidet sich dieser Bereich im Vergleich zu anderen Bereichen derzeit einzig im Urin-Kontroll-Programm. Allerdings wird auch dieses wegen Personalmangels nicht engmaschig durchgeführt. Echte Perspektiven im Sinne einer Rehabilitation ergeben sich für den Gefangenen in keinster Weise.

Des weiteren darf dieser Bereich höchst kritisch als präventive Variante zum Drogen-Behandlungs-Bereich betrachtet werden, da es längst kein Geheimnis mehr ist, dass auf diese Weise kostbare Zeit im Hinblick auf die begehrte Verlegung in die Häuser I E, V und VI eingespart werden kann. Das heißt, jeder Gefangene - ob Drogenkonsument oder nicht - kann durch einen negativen Urin-Befund längere Erprobungs- und Wartezeiten in den Häusern II und III umgehen. Denn ein negativer Befund im Urin-Kontroll-Programm äußert sich auch bei nicht-suchtgefährdeten Gefangenen positiv in der Vollzugsplanung. Dieser Umstand ist wohl den Statistikern zu verdanken...

Diese irrwitzige Konstellation bewirkt letztendlich, dass die tatsächlichen Konsumenten harter Drogen durch das reichhaltige Angebot sprichwörtlich auf der Strecke bleiben und erst gar nicht im Drogen-Behandlungs-Bereich ankommen. Eine paradoxe Situation entsteht jedoch, wenn sich der ernsthaft Bemühte, durch eine mehrmonatige, abstinente Untersuchungshaft "saubere" Gefangene (in der JVA Moabit gibt es nunmal aus verschiedenen Gründen erheblich weniger Drogen) nun wieder mit sämtlichen Drogen konfrontiert sieht.

Nach hiesiger Meinung kann nur die Herausnahme der Drogenvorschaltstation aus dem Bereich der Teilanstalt I eine adäquate Veränderung dieser Verhältnisse herbeiführen. Eigentlich spricht man in diesem Zusammenhang von einer abgeschotteten Station; dies hält jedoch der Realität mitnichten stand. Fachgeschultes Personal (z. B. zum Zwecke der Urin-Abnahme) sowie eine individuelle Auswahl an Behandlungsmaßnahmen, motivierte Sozialarbeiter mit Erfahrung in der Drogenarbeit bzw. deren Prävention wären ebenfalls wünschens- bzw. erstrebenswert.



Drogen-Behandlungs-Bereich (Haus I E)

Ehemals III E, wurde dieser Bereich mit erheblichen Mitteln ursprünglich für Langstrafer gebaut. Daraus lässt sich ableiten, dass zumindest die Zellen etwas größer und geräumiger sind als die "Hundehütten" im Haus I. Auch verfügt der Gefangene hier über Strom aus der Steckdose. Bereits dieser Umstand sowie die halbwegs zügigen Weiterverlegungs-Optionen zeichnen diesen Bereich aus. Leider endet hier auch schon die positive Berichterstattung im Sinne der eigentlichen Aufgaben, nämlich der Suchtbekämpfung, deren Prävention und nicht zuletzt die Vorbereitung der Gefangenen auf ein möglichst drogenfreies Leben außerhalb der Mauern.

Der Drogenbehandlungs-Bereich ist in zwei Phasen eingeteilt. Die erste Phase beinhaltet ein äußerst engmaschiges Urin-Kontroll-Programm, die Teilnahme an möglichst vielen behandlungsorientier-ten Gruppenangeboten sowie ein Arbeitsprogramm in der hausinternen Holzwerkstatt. Da Haus I E als drogenarm bezeichnet wird, soll der Proband während der ersten Phase (ca. 6 Monate) nicht mit anderen Gefangenen in Berührung kommen. Wer also die sechs bis acht Monate auf der Drogenvorschaltstation gemeistert hat und eine negative UK vorweisen kann, wird zum Aufnahmegespräch geladen. Eine Selektion erfolgt durch die Psychologen, welche auch später die Einzelgespräche mit den Probanden durchführen.

__Konzept der Drogenbehandlung hinfällig__

In der zweiten Phase soll der Gefangene auf eine mögliche Therapie, die extern stattfindet, vorbereitet werden. Lockerungen, die Teilnahme an Anstaltsveranstaltungen und eine Verlegung in den Wohngruppenvollzug der Häuser V und VI sind nun möglich. Dieses Konzept ist Inhalt und Vorgabe des Drogenbehandlungsbereiches und wird auch bei erhöhter Frequentierung nicht aufgege-ben, jedoch tritt eher das krasse Gegenteil des soeben beschriebenen Vorgehens ein!

Die Verifikation dieser Berichterstattung gleich einer spöttischen Wortklauberei, die in keiner Weise kontrovers diskutiert werden muss, denn die Fakten sprechen für sich und bescheinigen diesem Bereich das typische Ambiente des Verwahrvollzuges. Nach Meinung der Betroffenen ist es explizit der bittere Versuch, eine humane Equivalenz zum konventionellen Strafvollzug vorzutäuschen. Selbst die Grundgedanken jedweder Drogenarbeit, wie die Arbeit mit Rückfällen, Defizitergründung durch Einzelgespräche sowie behandlungsorientierte Vollversammlungen finden nicht statt. Darüber hinaus besteht ein extremer Mangel an Kommunikation zu den externen Drogenberatungsstellen. Gleiches trifft auf die sachbearbeitenden Behörden, die die strafzurückstellenden Therapiemaßnahmen (§§ 35, 36 BtmG) einleiten, zu.

Das gesamte Konzept wird schon dadurch hinfällig, dass seit geraumer Zeit eine Überbelegung durch nicht-suchtmittelabhängige, die einzig auf ihre Verlegung in die JVA Charlottenburg warten, praktiziert wird. Eine neuerliche Verfügung regelt angeblich die Belegung sämtlicher freier Zellen Dieser Zustand wirkt sich auf die Betroffenen signifikant kontraproduktiv aus und veranlasst sie völlig unmotivierten und inkompetenten Psychologen zu noch ausgedehnteren Krankfeiern. Gruppenangebote werden dezimiert, Einzel- und Gruppengespräche finden nur pro forma oder überhaupt nicht statt.

Lockerungen erhalten scheinbar nur Privilegierte, und eine Vorbereitung auf ein abstinentes Leben außerhalb der Mauern wäre ein Wunschtraum. Selbst die Vertretungen bringen kaum Zeit für diesen Bereich auf, dem Vollzugspersonal hat es längst die Sprache verschlagen, und diese Personengruppe zieht sich auf Grund dieser Umstände von allen Sinnvollem zurück - was sogar zu verstehen ist, erhalten sie doch keinerlei Unterstützung der Psychologen. Höhepunkt dieser Entwicklung ist jedoch die ausbleibende Unterstützung einer therapiebedingten Strafzurückstellung gemäß der $$ 35 und 36 BtmG. Die vom Gericht angordneten Stellungnahmen werden nur zögerlich und verspätet bearbeitet und enthalten meist keine aussagekräftigen, positiven Prognosen.

__Drogen- und Suchtbericht völlig realitätsfremd__

Eine schallende Ohrfeige hingegen ist der Drogen- und Suchtbericht des Landes Berlin in diesem Zusammenhang, welchen der Verfasser als Groteske bezeichnen möchte. Entweder dieser Bericht wurde schlichtweg nicht tatsächlich recherchiert, oder die Prüfer bzw. Vorleger wurden korrumpiert. Tatsache ist, dass dieser völlig realitätsfremd erarbeitet wurde und außer Konzeptfloskeln der Vergangenheit, nichts enthält. Dies dürfte das eigentliche Dilemma kaum kompensieren.

Die Betroffenen selbst lassen sich währenddessen immer häufiger in andere Häuser verlegen, da so ziemlich jedes Haus effizientere Möglichkeiten bietet, ihren Therapiewillen in die Tat umzusetzen.

J.G.