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Thema: Vorstellung: Ticcer

  1. #1
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    Vorstellung: Ticcer

    Hallo,
    dann stelle ich mich mal vor :

    wie komme ich, 38 Jahre alt , verheiratet und zwei Kinder zu Cannabis ?
    Als 2 jähriger durchlitt ich eine Hirnhautentzündung, infolgedessen war ich schwerhörig und bekam epileptische Anfälle. Im Alter von 10 Jahren gesellte sich das Tourette-Syndrom dazu und das sah so aus:
    Augenblinzeln , Kopfschütteln, Kopf in den Nacken werfen , nach links und nach rechts, Schläge mit der Hand auf den Kopf, Schlagen mit der Faust auf den Nacken und ins Gesicht , Schreien, Bellen, Grunzen undund und das ganze mit äusserster Kraft und Intensität - ich weiss nicht , ob sich diese Symptomatik jemand vorstellen kann. Die Ärzte waren ratlos, sie sprachen von einer "Angewohnheit", die sich wohl wieder legen würde. Allerdings bekam ich schon früh Psychopharmaka (Diazepam, Valium). Heilpraktiker wurden konsultiert, sogar bei einem Wunderheiler bin ich schon gewesen, weil ich absolut ratlos und machtlos war.
    Der behandelnde Neurologe schickte mich im Alter von 20 Jahren in eine psychosomatische Klinik, wo ich schliesslich 9 Monate stationär verblieb. (schluck)
    Erst etwa 1990 stellte man die Diagnose Tourette-Syndrom, jetzt konnte endlich eine adäquate Behandlung erfolgen, d.h. ab durch die Chemiefabrik - aber rauf und runter!
    Was ich nun an Medikamente bekam war der ganz große Hammer. Neuroleptika wie Orap oder Haloperidol habe ich noch in Erinnerung, auch noch viele andere Psychopharmaka, wovon ich höllische Nebenwirkungen bekam, wie viele andere Tourette-Patienten übrigens auch, was dazu führte , dass ich diese Medikamente zum größten Teil wieder absetzen musste.
    Nun erfuhr ich 1999 von einer Tourette-Spezialistin , die auch im Vorstand der ACM ist, Frau Dr. Kirsten Müller-Vahl, die eine THC-Studie durchführte. Meine Mutter wies mich auf im TV gezeigte Beiträge über die medizinische Wirksamkeit von Cannabis hin. Bis dahin hatte ich eben krankheitsbedingt auf Alkohol und sonstige Drogen verzichtet. Daher nahm ich an der THC-Studie teil: Dronabinol aus den USA (demnach Marinol ) wurde mir verabreicht und anschließend schickte man mich in den Klinikkeller , wo ich eine Menge neurophysiologische Tests durchzuführen hatte und plötzlich trifft mich der erste THC-Flash ! War nicht so toll am Anfang. Aber abgesehen von der ersten Stunde war es dennoch ein angenehmer Tag, denn er verlief völlig ohne Tics. Es handelte sich um eine placebokontrollierte Studie, der Cannabis-Effekt war jedoch so eindeutig, dass es alle medizinischen Beteiligten während der Studie in der Klinik (MH Hannover) unzweifelhaft registrierten.
    Ich machte mich schnell in Sachen Cannabis sach- und rechtskundig und präsentierte meinem behandelnden Arzt auch mein gesundheitliches Ergebnis, woraufhin er mir in freier Form ein Attest ausstellte, worin eben die "dringende Notwendigkeit" von Cannabis nochmals fixiert wurde. Ein Kassenrezept erhielt ich jedoch nicht. Die üblichen Ausreden von wegen man soll vorher die Kasse konsultierten usw.. der Kontakt zu dem Arzt wurde meinerseits daher abgebrochen.
    Vom örtlichen Gesundheitsamt wurde mir ein Neurologe benannt, der mit dem Betäubungsmittelgesetz und vertraut ist und bereit war, mir Dronabinol zu verordnen, was ich mir anschließend aus der Frankfurter Bock-Apotheke besorgte. Leider half dies nicht mehr, d.h. ich verspürte keinerlei Effekte mehr.
    Ich hatte ziemlich schnell ein gutes Kraut gefunden, was ausgezeichnet gegen meine starken motorischen Tics half, ich wurde auch für andere sichtbar deutlich ruhiger. Vor allen Dingen , die durch die Tics bedingten starken Schmerzen in der HWS und im Schultergelenk sind deutlich zurückgegangen.
    Außerdem habe ich Glück in der Nähe der holländischen Grenze zu wohnen. Ich schloss mich spontan der Verfassungsklage der ACM an. Zunächst kam aus Karlsruhe ja ein positives Signal, den Antrag gestellt beim Bundesamt für Arzneien und Medizinprodukte, wurde natürlich abgelehnt , logisch. Ich war naiv, und habe in den Räumlichkeiten des Arbeitgebers geraucht, was eine MDK-Vorstellung nach sich zog . Obwohl diese Angelegenheit (auch mit Hilfe von Frau Dr. Müller-Vahl ) keine Konsequenzen für mich hatte außer natürlich die Abstinenz von illegalen Drogen , ist es eben auch genau dies , was stigmatisiert, was zu Ängsten und Misstrauen geführt hat, denn man tut ja etwas verbotenes, obwohl es nach allem für und wider medizinisch geboten ist. Ansonsten würde ich meinen Körper mit meinen Tics weiter zerstören. Die Angelegenheit hat mich wieder nervöser gemacht hat, d.h. die Tics wurden wieder schlimmer , weil sich ja ein enormer Druck aufgestaut hat. Daher habe ich mich auch zunächst mal zurückgezogen. Obwohl ich weiterhin überzeugt bin, dass weiter aufgeklärt werden muss.
    Mittlerweile ist es bei mir wieder ruhiger geworden und ich komme mit Hanf am besten zurecht. Allerdings ist die rechtliche Sitiuation sehr unbefriedigend. Ich wünschte mir, es wäre einfacher , an diese gute Medizin zu kommen, die mir hilft meinen Tics und den Schmerzen
    etwas adieu zu sagen. Andere neue Substanzen , die die Pharmaindustrie auf die Leute lostlässt ,werden viel unkritischer betrachtet und mit Vergnügen von der Behörde genehmigt. Cannabis scheint wohl eine ganz große Ausnahme zu sein.
    Seit dem ich seit einigen Jahren angefangen habe, Cannabis zu rauchen, bin ich tagsüber nicht mehr übernervös und ticce wie ein Berserker - auch bin ich nicht zubedusselt von Psychopharmaka und die meiste Zeit schlafend, sondern kann endlich seit 34 Jahren mal den Tag wieder aktiver verbringen, d.h. wenn ich den Tourette mit ein paar starken Zügen aus der Wasserpfeife beruhigt habe , mache ich schöne Radtouren mit meinem Sohn und mit meiner Tochter (6,2) oder wir gehen in den Wald. Am liebsten gehen wir schwimmen. Da muss die meine Tochter aber noch zu Hause bleiben. Abends kann ich ruhig und friedlich ein- und durchschlafen und wache am nächsten Morgen erholt auf. Das akzeptieren sogar meine konservativen Eltern und Verwandten. Den Behörden oder Politikern interessiert sowas nicht.
    Einige von den Tourette-Leuten tragen ein T-Shirt, da steht drauf: Ich ticce richtig !
    Ich ticce nicht mehr richtig, seitdem ich Marijuana rauche. Gott sei dank.
    Schöne Grüße
    ticcer

  2. #2
    Annika ist offline Registrierter Benutzer
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    Hallo, schön, dass deine Erfahrungen auch nach so vielen Jahren noch hier zu lesen sind.
    Gibt es Leute, die bezüglich Tics (kein diagnostiziertes Tourette-Syndrom) und Cannabisöl Erfahrungen haben?

    Viele Grüße
    Geändert von Annika (26.08.2020 um 16:41 Uhr)

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