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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : ein weiterer Freispruch



Gabi
24.08.2008, 10:42
aus dem Westfälischen Anzeiger:

Opiate tun′s doch auch...
Weil Krankenkasse Medikament verweigert, baute Markus Trampe Drogen an - Sensationeller Freispruch vor Gericht, doch die TK sieht keinen Ausnahmefall

´Ich werde als denkendes Stück Fleisch enden´: Markus Trampe (rechts) leidet als einer von zwei Bundesbürgern unter ´HMSN, Typ II´ und kämpft mit seinem Anwalt Dr. Michael von Glahn (links) für den Erhalt eines THC-haltigen Medikaments. J Foto: Wiemer

22.08.2008 • Von Frank Lahme

HAMM Höchst bemerkenswerte Worte fielen vor einer Woche im Sitzungssaal des Hammer Amtsgerichts. "Niemand, der bislang auf dieser Anklagenbank Platz genommen hatte, wurde nach der Sitzung von mir so geachtet wie Sie." Worte, die der Vorsitzende Richter des Schöffengerichts aussprach, als ihm Markus Trampe gegenüber stand. Und fast schon sensationell war das Urteil, das damit einherging. Der 38-jährige Trampe wurde freigesprochen, obwohl er in seinem Garten an der Viktoriastraße Cannabispflanzen angebaut hatte und damit eindeutig als Drogenbesitzer im strafrechtlich relevanten Bereich überführt war. Doch die richterliche Einsicht, nichts Verwerfliches getan zu haben, nützt ihm gar nichts, solange seine Krankenkasse weiter mauert...

Markus Trampe ist krank. Er leidet an der sehr seltenen Krankheit namens "Hereditäre Motorisch-Sensible Neuropathie" (HMSN), Typ II. "Ich werde als denkendes Stück Fleisch enden", beschreibt er sein trauriges Schicksal, das durch den allmählichen und immer weiter fortschreitenden Abbau seines Nervensystems vorbestimmt ist. Langsam, an Händen und Füßen beginnend, frisst sich die Krankheit zu seiner Wirbelsäule vor.

In ärtzlichen Gutachten ist ihm vor Jahren schon bescheinigt worden, dass er über "Primatenhände" verfüge - er kann zwar noch zugreifen, aber weiß nicht, mit welcher Kraft dies geschieht. Einen Hemdknopf kann er schon lange nicht mehr schließen. Mit der Krankheit einher gehen ständige Muskelkrämpfe und -versteifungen, die ihm nicht nur den Tag, sondern auch die Nacht zur Hölle machen. Mehrfach wurden seine Füße operiert - seine Mittelfüße sind heute trotzdem steif. Er kann kaum mehr laufen, barfuß stürzt er sofort. "Es gibt weltweit keine Behandlungsmethode", lautet die bittere Erkenntnis des 38-Jährigen, die er auch mit entsprechenden Gutachten belegen kann. Heilen, so weiß er, kann man HMSN nicht, aber die Symptome können gelindert werden.

Dronabinol heißt ein in den USA zugelassenes Medikament, das den Wirkstoff THC enthält. Ein paarmal hat seine Hausärztin ihm das Mittel Ende 2007 verschrieben, und Trampe war geholfen. "Es wirkt entspannend, und ich konnte des nachts wieder schlafen", sagt der zwangsverrentete ehemalige Laborleiter. THC ist der Wirkstoff, der auch in Haschisch und Marihuana enthalten ist, bei Dronabinol handelt es sich folglich um ein synthetisches Cannabis-Derivat.

Rente reicht nicht für

Privatrezept

Aber Dronabionol ist teuer. 415 Euro kostet ein Fläschchen, mit dem Trampe etwa einen Monat auskommen würde. Offenbar zu viel Geld für die Techniker Krankenkasse. Opiate, wie das Mittel Tramal, sind für etwas mehr als 100 Euro zu bekommen. Und wirken genauso gut, beruft sich die TK auf ein Gutachten des Medizinisches Dienstes und lehnt die Verabreichung von Dronabinol auf Kassenrezept ab.

Dass die Wirkungsweise beider Mittel vergleichbar sei, klingt für Trampe wie Hohn. Opiate wirken rein betäubend, führen zu keinerlei Entspannung der Muskulatur. Er weiß es, denn er hat auch das Tramal ausprobiert.

Damit nicht genug: Auf Privatrezept könnte er sich weiterhin Dronabinol besorgen. Nur, wie soll das gehen, angesichts von einer monatlichen Rente von 750 Euro?

Trampe, der über sich selbst sagt, dass er immer versucht habe, "mir selbst zu helfen", schreitet in der Wartephase auf Dronabinol schließlich selbst zur Tat. Im eigenen Garten züchtet er THC, indem er Hanf anbaut. Zwar hat er davon keine Ahnung, aber immerhin wächst das Zeug an der Viktoriastraße wie Unkraut. Sein Pech, dass Nachbarn seine gärtnerischen Versuche beobachten und ihn bei der Polizei anschwärzen. 3,3 Kilogramm bringen seine Pflanzen auf die Waage, als im Oktober 2007 die Polizei bei ihm auftaucht.

"Normalerweise wird der Besitz einer solchen Menge mit eineinhalb bis zwei Jahren Haft bestraft", weiß auch sein Rechtsanwalt Dr. Michael von Glahn. Ein Urteil des OLG Karlsruhe bringt ihn jedoch auf die richtige Spur. Wie eingangs erwähnt, gelingt es ihm in der vergangenen Woche, das Schöffengericht von der Notstands-Situation seines Mandanten zu überzeugen. Das Gericht erkennt auf Freispruch, kann seinem Mandanten aber keinen Freibrief für den Drogenanbau ausstellen. Bleibt der Strauß, den es mit der Krankenkasse auszufechten gilt. Gegen den ablehnenden Bescheid der TK über die Gabe von Dronabinol hat von Glahn Widerspruch eingelegt und bereitet parallel eine Klage vor dem Sozialgericht vor. "Uns geht es hier nicht darum, jemandem einen Gratis-Drogenrausch zu besorgen. Dies hier ist wirklich ein Ausnahmefall", stellt der Rechtsanwalt klar.

Verordnung nur in

"Ausnahmefällen"

Die Techniker Krankenkasse, die mit Blick auf das schwebende Verfahren derzeit keine endgültige Stellungnahme abgibt und auf ein Zweitgutachten wartet, führt in ihrer ablehnenden Begründung übrigens aus, dass nur "in besonderen Ausnahmefällen" eine Verordnung von Dronabinol auf Kassenrezept möglich ist. Aber wann tritt der Ausnahmefall ein? Trampe ist nachweislich einer von zwei Bundesbürgern, die den Befund "HMSN, Typ II" haben ...
zum Artikel (http://www.wa-online.de/hammallgsolo/00_20080822192030_Opiate_tunaposs_doch_auch.html)